Absolventenverein Kollegium Aloisianum
altfreinberger.at » Events » Aloisiustreffen
20.06.2008, erstellt am 24.06 2008 von Christian Müller

Tarek Leitner: Tagesjournalismus verkürzt Wirklichkeit

aloisiustreffen20081
Tarek Leitner mit Obmann Thomas Stelzer (Foto: privat)

Vortrag von Altfreinberger, ORF-Moderator und Romy-Preisträger Mag. Tarek Leitner

Tarek Leitner, geboren 1972 in Linz, begann seine journalistische Laufbahn im Aktuellen Dienst des ORF-Landesstudio Oberösterreich, wo er für die Radio-Information (u.a. als Chef vom Dienst) und Fernseh-Information ("Oberösterreich heute") arbeitete. Nach Abschluss des Studiums der Rechtswissenschaften (1997) wechselte er in die "Zeit im Bild"-Redaktion als innen-politischer Redakteur; 2001 war er Korrespondent in Brüssel. Anschließend verstärkte er das Moderatorenteam der "ZiB"-Tagesausgaben. Seit Jänner 2004 präsentiert er täglich die aktuellsten Nachrichten aus Österreich und der Welt in der "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr - seit Wiedereinführung der Doppelmoderation an der Seite von Danielle Spera. Leitner ist Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik der Universität Wien und der Fachhochschule für Journalismus in Graz. 2008 wurde Tarek Leitner als "beliebtester Moderator" mit dem TV-Publikumspreis Romy geehrt.

Tarek Leitner gibt den Altfreinbergerinnen und Altfreinbergern Einblick in die Herausforderungen des heutigen Journalismus. Der Funke des Journalismus wurde in Tarek Leitner durch seinen Deutschlehrer Prof. Neubauer mit folgender Veranschaulichung von Journalismus entzündet: Der Papst besucht ein südamerikanisches Land, das von sozialen Problemen und Prostitution gezeichnet war. Auf die Frage eines Journalisten, ob der Papst auch ein Bordell besuchen werde, fragte dieser: „Gibt es denn in dieser Stadt Bordelle?“, woraufhin tags darauf die Gazetten titelten: „Erste Frage des Papstes in Südamerika: Gibt es hier Bordelle?“

Tarek Leitner zeigt die wirklichkeitsverkürzenden Rahmenbedingungen des Tagesjournalismus auf: Die Zeit für die Darstellung einer Information verkürzt sich in der Geschichte des Fernseh-journalismus zunehmend. Die O-Ton-Länge (Sprechdauer eines Politikers, Zeugen, … in einem Beitrag) in einem Nachrichtenbeitrag der ZiB beträgt durchschnittlich 11-12 Sekunden, in den USA mittlerweile nur mehr 7 Sekunden. 7 Sekunden entsprechen jener Zeit, in der Information am leichtesten zu konsumieren ist. Fernsehen hat sich vom Informations- klar zum Unterhaltungsmedium gewandelt, die Darbietung von Informationen passt sich dem Konsumverhalten und Unterhaltungsbedürfnis des Zusehers an. Maximal 1 Minute 50 Sekunden wird einem ZIB-Beitrag eingeräumt, wie komplex die Thematik auch sein mag. Im ZiB-Meldungsblock ist die Sollzeit von 12 Sekunden je Beitrag vorgegeben. Auch den Protagonisten aus Politik, Wirtschaft etc. ist diese unterhaltungsorientierte Form der Mediengestaltung bewusst und sie reagieren mit hoher Professionalisierung der Informationsdarbietung. Dies führt letztlich zu einer „inszenierten Wirklichkeit“. Der Journalist steht vor der Herausforderung, die „wirkliche Wirklichkeit“ zu erkennen.

Tarek Leitner schildert die ZiB-Produktion von der morgendlichen Grobplanung der tagesaktuellen Sendungen über die ressortbezogenen Recherchen der Redakteure bis hin zum News-„Markt“, auf dem die Redakteure ihre Beiträge anbieten und die Sendungsverantwortlichen der verschiedenen ORF-Nachrichtenformate Beiträge „einkaufen“. Die Nachrichtensendungen des ORF ZiB, ZiB 1, ZiB 2, ZiB 20, ZiB 24, ZiB Flashes haben definierte Profile und Zielgruppen. Die ZiB 1 etwa hat einen Generalansatz, während etwa ZiB 2 mehr Schwerpunktthemen he-rausarbeitet und einen „Kopf des Tages“ im Interview präsentiert. Das Durchschnittsalter der ZiB-Seher liegt bei 60+, die ZiB 20, die in ein jüngeres Zielgruppenprogramm eingebettet ist, bringen es auf 40+. Rund 50 % der Zuschauer, die um 19:30 Uhr vor dem Fernseher sitzen schauen ZiB, d.s. rund 1,2 Millionen Zuseher. Dem Quoten- und Unterhaltungserfordernis folgend werden in den ZiB Redaktionssitzungen die interessantesten Tagesthemen, die Dramaturgie der Sendung und der Spannungsbogen festgelegt: Wie wird aus einem Beitrag eine Story? Wie wird die Information präsentiert (Korrespondentenschaltung, Analyse etc.)? Welche Beiträge werden in welcher Reihenfolge gebracht? Zeitplanung der insgesamt je nach Werbeblockdauer 17,5 bis 19 Minuten dauernden ZiB … Daraus resultiert die Sendeliste, die jedoch selbst im Zeitpunkt der Sendung noch verändert werden kann. Die Funktion und Aufgabe des Moderators sieht Tarek Leitner darin, der Sendung ein Gesicht zu geben, die Beiträge in die tägliche informationsflut einzuordnen, auf den Beitrag neugierig zu machen und letztlich Fakten zu vermitteln.

In der anschließenden Gesprächsrunde zwischen Tarek Leitner und den Altfreinbergern spannte sich der Themenbogen vom Umgang mit belastenden Inhalten wie Verbrechen u.ä. bis hin zu Hoppalas.

 

News im Überblick

newsalumni
Alumni News
newsverein
Vereins News
newsaloisianum
Aloisianum News
newsgedanken
Gedanken