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20.12 2014, erstellt von Christian Müller, Quelle: Altfreinberger Rundschreiben, P. Paul Mühlberger, SJ

Erwarten

erwartung
Erwarten (Foto CC0 Public Domain)

Meine ersten Weihnachten fielen in eine unruhige Zeit: es war Krieg. Der Vater war irgendwo an der russischen Front, die Tage und Nächte waren voller Angst wegen der ständigen Bombenangriffe auf die Stadt, die Ernährungslage wurde immer kritischer – und doch kam Weihnachten nahe und der Advent war voller Erwartungen.

 

Ich erinnere mich, es gab in unserem Wohnzimmer eine Lade an der der Schlüssel abgezogen war. Ich kam darauf, dass die Mutter von Zeit zu Zeit immer etwas hineintat und dann wieder zusperrte. Es waren mühsam zusammen gesparte oder teuer auf dem Schwarzmarkt erstandene Luxusdinge, wie ein Täfelchen Schokolade oder sonstige Süßigkeiten. Und so war ich voller Erwartung zu dem Tag hin, als ich ins Wohnzimmer eintreten durfte und die bescheidene Pracht sah, die da vor mir ausgebreitet war. Und dann der Gang zu Christmette. Großmutter hatte mich schon ein paar Tage vorher zur Schülerbeichte geschleppt, mich, der ich resolut behauptete, ich hätte keine Sünden.

 

Warum ich das erzähle? Weil es im Menschen eine Haltung gibt, die für den Menschen lebensnotwendig ist: das Warten oder besser gesagt: die Erwartung. Diese Haltung zieht sich durch das ganze Leben hindurch. Die werdende Mutter wartet neun Monate auf die Geburt ihres Kindes, der junge Mensch braucht Zeit für seine Reifung und Ausbildung, zwei Junge Leute, die sich gern haben, erwarten ein gemeinsames Leben.

 

Da stellt sich aber doch eine Frage auf den Weg: Können wir überhaupt noch warten? Ist das nicht zu einer Haltung geworden, die nicht mehr zeitgemäß ist. Es wird uns immer wieder eingeredet, wir könnten alles sofort haben. Warten wäre also vergeudete Zeit, wie das Warten an der Kassa beim Supermarkt. Jetzt ist es besser das Wort „Erwarten“ zu verwenden, statt das bloße inhaltsleere „Warten“. Dieses „Erwarten“ hat mit einem Ziel zu tun, mit etwas, das man anstrebt, dass einem wichtig ist, für das man Zeit investiert und auch gelegentlich Opfer bringt.

 

Vier Wochen lang werden wir in dieser Adventszeit zum Warten, besser gesagt zum Erwarten aufgerufen. Es geht in erster Linie um eine religiöse Erwartung: dass dieser Gott zu uns kommen möchte. Er ist zwar schon gekommen in seiner menschlichen Gestalt, vor 2000 Jahren, aber er ist bei uns noch nicht „angekommen“. Und diese neue Ankunft erwarten wir, jedes Jahr, weil wir immer wieder geneigt sind, seine Anwesenheit bei uns zu vergessen. Der Prozentsatz der Menschen, die diese Art des Erwartens und des Ankommens in dieser Zeit pflegen, mag gering sein. Es geht um periphere Dinge, die Geschenke, den Urlaub, den man sich in diesen Tagen nimmt, es geht um Gastlichkeit bei den Weihnachtsmärkten zum Geruch von Bratwürstln und Sauerkraut und dem üblichen Punsch. Irgendwo findet dann auch noch der Einzug des Christkindes statt, zelebriert von eine hübschen, wenig kindhaften Blondine im Barockkleid. Und dann die totale Erschöpfung am Christtag selbst, wo bereits alle Reserven aufgebraucht sind.

 

Wir leben aber in einer Zeit, in der wir uns die Augen zubinden müssten, um nicht den Hintergrund zu sehen, vor dem wir Weihnachten feiern. Zu meiner Kindheit war es der Krieg, heute ist es wieder der Krieg. Er betrifft uns zwar nicht direkt, trotzdem können wir einer Konfrontation mit ihm nicht ausweichen. Es ist die Not so vieler Menschen, die mit gierigen Blicken in unsere wohlerleuchteten Wohnungen schauen, während sie selbst keine Heimat haben. Es sind die Einsamen, um die sich niemand kümmert, es sind die Alten, früher als weise und lebenserfahrene Menschen hoch geschätzt, abgeschoben, weil nicht mehr produktiv.

 

Und so wird jeder Advent und Weihnachten auf seine eigene Weise feiern: anders die Glaubenslosen, anders die Suchenden, anders diejenigen, die gleich der Heiligen Familie auf der Flucht sind. Aber an sie alle ergeht die Frohe Botschaft: Gott ist Mensch geworden und er begleitet alle. Er ist bei Glaubenslosen, bei den Suchenden und bei denen die keine Heimat haben, wie auch er sie nicht gehabt hat. In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine gnadenreiche Advents- und Weihnachtszeit.

 

P. Paul Mühlberger SJ

 

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