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17.06 2015, erstellt von Christian Müller (Autor: P. Paul Mühlberger SJ)

Vergeistigung

geist
Foto: Public Domain

Wieder  darf    ich  mich  mit  einem  kleinen  Beitrag  an  euch  wenden,  ein  paar  Zeilen,  ein  paar  Gedanken  zum  Nachvollziehen.  Ich  komme  gerade vom Krankenhaus, wo man mir eine neue Hüfte verpasst hat. Ich konnte einfach nicht  mehr laufen. Zurzeit bin ich noch  nicht recht beweglich, das soll sich  aber nach einer Reha-Zeit wieder  normalisieren.

 

Pfingsten habe ich also mehr oder  wenig in Ruhe gefeiert, obwohl der  Pfingstgeist  angeblich  ein  Geist  der  Unruhe  ist.  Unruhe  erleben  wir viel  in unserer Welt, eine Veränderung folgt auf  die andere, die  Frage ist nur, in welcher Richtung  diese Veränderungen gehen.

 

Ein  Blick  in  die  Kulturgeschichte  der  Menschheit  macht  uns  eins  unmissverständlich  deutlich:  Der  Mensch  strebt  nach  dem  Größeren,  nach  dem  Vollkommenen.  Und als Inbegriff dieses Größeren  ist ihm stets der Geist erschienen.  In  keinem  materiellen  Gut,  sondern  im  Geist  erblickte  er  die  wahre Erfüllung. Mehr als alle materiellen Siege und durch alle wirtschaftliche  Macht  zeichnen  sich  Geschichtsepochen durch ihr Geistesleben  aus.  Denn  das  Vordergründige, das, was wir mit unseren  fünf Sinnen wahrnehmen können,  verlangt nach einer Vergeistigung.  Die Schranke des Materiellen will  überstiegen sein. Der Mensch erfährt die Bewegung, und er sucht  den  Beweger;  er  sieht  den  Strom  und fragt nach der Quelle; er verspürt die Wirkung und ahnt die Ursache; er lebt und fragt nach dem,  was der Sinn des Lebens ist.  Und  so  ist  er  von  jeher  über  sich  hinaus verwiesen worden auf den  Ursprung, auf den Geist.  

 

Es kommt darauf an, dass wir uns  wieder auf die Größe des Geistes  besinnen,  auf  den  Primat  des  Geistes vor der Materie, der Seele  vor dem Leib.  

 

Seit  Gott  im  Paradies  dem  Menschen  mit  seinem  Geist  angehaucht  hat,  ist  er  in  der  Lage,  alles  Vordergründige  und  Materielle  zusammenzunehmen  und  zu  durchdringen  in  der  Kraft  des  Geistes. Und nur von dort gelingt  der Brückenschlag zu dem, der die  Grundlage  alles  wahrhaft  Geistigen ist: zum Hl. Geist. Und so heißt  es  heute  in  der  Liturgie  auch  mit  Recht:  „Sende  aus  deinen  Geist,  und das Antlitz der Erde wird neu.“  

 

Nun, das wäre ja schön, wenn so  mit einem Schlag alles neu würde,  wenn  die  Kriege  aufhörten,  die  Ungerechtigkeit  und  der  Terror,  wenn  Krankheit  und  Tod  besiegt  wären.  Wie  schön  wäre  es,  wenn  mit  einem  machtvollen  Brausen  vom Himmel die Welt in einem Augenblick verändert würde. So betrachtet ist das Pfingstfest ein Ausdruck unserer tiefen menschlichen  Sehnsucht nach einer heilen Welt.  Deshalb  ist  es  eigentlich  seltsam,  dass dieses Fest, das doch eine urmenschliche  Sehnsucht  zum  Thema hat, im Volksempfinden relativ  wenig Widerhall findet.

 

Verglichen mit anderen kirchlichen  Festen,  gibt  es  nur  wenig  typisch  pfingstliches Brauchtum. Vielleicht  sind wir einfach zu desillusioniert:  Wir  glauben ja doch  nicht  daran,  dass mit einem machtvollen Brausen alles neu wird, wie damals in  Jerusalem. Vielleicht  aber  ist  Pfingsten  auch  zu  anspruchsvoll.  Wir  haben  uns  ja  ganz  gut  eingerichtet  in  dieser  „unheilen“  Welt,  haben  uns  arrangiert mit der Welt, wie sie nun  einmal  ist.  Und  es  ist  unbequem,  sich wachmachen zu lassen. Aber  das  genau  will  der  Geist  Gottes:  uns  wachrütteln,  uns  aufwecken  aus  dem  Schlaf  der  Bequemlichkeit  und  Sicherheit,  aus  dieser  lähmenden  resignativen  Stimmung nach dem Motto: „Es hat ja  doch  keinen  Sinn.  Es  ändert  sich  ja  doch  nichts.  Was  kann  ich  da  schon tun?“ Im Grunde wissen wir  ganz genau: Die Welt ändert sich  nicht, wenn wir uns nicht ändern.  Die  Welt  wird  nicht  heiler,  wenn  wir  nicht  „neue  Menschen“  werden. Und genau das macht es so  schwer und so unbequem.

 

Die  Schwierigkeit  ist:  Pfingsten  fällt nicht so einfach vom Himmel.  Die  Schilderung  des  Evangelisten  Lukas  in  der  Apostelgeschichte  wird  manchmal  so  verstanden,  als  käme  eines  Tages  der  Heilige  Geist  und  würde  endlich  aufräumen in dieser Welt  und  Ordnung  schaffen. Aber das ist ein schlimmes  Missverständnis.  Der  Heilige  Geist bleibt machtlos, solange wir  nicht wollen, solange wir uns ihm  verschließen.  

 

Der Heilige Geist benutzt uns nicht  wie  willenlose  Werkzeuge.  Er  will  uns als Mitarbeiter. Und das macht  es so schwer und unbequem. Gott  und  sein  Geist  wollen  uns  in  die  Verantwortung nehmen. Wir würden  staunen,  was  Gott  mit  uns  machen  würde,  wie  sich  die  Welt  verändern  würde,  wenn  wir  uns  nur mit unseren Begabungen und  Fähigkeiten  Gottes  Geist  zur  Verfügung stellen würden.

 

Dass  das  nicht  immer  leicht  und  einfach  ist,  wird  uns  bestenfalls  dann  klar,  wenn  wir  anzuecken  beginnen,  wenn  wir  auf  Widerstand  stoßen,  wenn  wir  den  Zorn  derer  zu  spüren  bekommen,  die  nicht wollen, dass sich etwas verändert,  jedenfalls  nicht  im  Sinn  des göttlichen Geistes.

 

Das  Kommen  des  Geistes  Gottes  wird in anschaulichen Bildern geschildert:  Im  Bild  vom  Feuer  und  im  Bild  vom  Sturm.  Feuer  ist  ein  sprechendes  Bild  für  das  Wesen  von Gottes Geist, für seine Eigenart des Wirkens. In der Wärme, in  der Kraft des Feuers können Menschen die Nähe Gottes, auch seine  Herausforderung erkennen.  Das  Bild  von  den  Zungen  vermittelt überdies den Eindruck der Lebendigkeit. Seit der Erzählung vom  brennenden  Dornbusch  ist  Feuer  ein  Zeichen  für  Gottes  Anwesenheit.  Auch  diese  ist  lebendig,  beweglich, sie bewirkt etwas, ist nicht  in  sich  ruhend.  Im  Kommen  des  Geistes mit Zungen wie von Feuer  wird jeder Mensch in diese Lebendigkeit, in diese Gottesgegenwart  hineingenommen. Zungen wie von  Feuer  sind  kein  ruhiges,  kein  beschauliches Bild. Da tut sich etwas,  es bewegt sich, lebt.

 

So  auch  in  Jerusalem.  Alle  versammelten Menschen hören es in  ihren Sprachen. Dieses sogenannte Pfingstwunder hat schon immer  die  Phantasie  der  Menschen  und  ihre  Sehnsüchte  angeregt.  Was  beim  Turmbau  von  Babel  zerstört  wurde,  weil  Menschen  Himmel  und  Erde  verbinden  wollten,  das  ist  jetzt  wieder  hergestellt:  An  Pfingsten beginnen die Menschen,  einander  erneut  zu  verstehen.  Dies  ist  nicht  möglich,  weil  etwa  der Turmbau jetzt gelungen wäre,  sondern weil Gott dazu in Leben,  Tod und Auferstehung Jesu Christi die Möglichkeit schafft: Durch Jesus Christus hat Gott Himmel und  Erde verbunden.

 

Wie steht es also mit unserer Bereitschaft,  uns  von  diesem  Geist  Gottes ansprechen zu lassen. Ist es  die  Angst,  die  uns  daran  hindert,  sitzen wir auch wie die Jünger hinter verschlossenen Türen?  Sich auf diesen Geist zu besinnen,  das ist der Anruf des Pfingstfestes.  Er,  der  das  Urchaos  ordnete,  er,  der seiner Kirche Mut zum lebendigen Zeugnis gab,  er  kann  auch  uns befähigen, die Augen zu erheben und die Welt in das Gottesleben  hineinzuführen.  Aber  so  fragen  viele,  wo  ist  der  Geist?  Lässt  er sich überhaupt noch verspüren?  Die  Heilige  Schrift  vergleicht  den  Geist  mit  dem  Windhauch,  den  man  nicht  ohne  weiteres  dingfest  machen  kann.  Der  Geist  Gottes  lärmt  nicht,  er  zwingt  den  Menschen  nicht.  Aber  er  ist  da,  er  ist  am Werk. Wer bei schönem, sommerlichen Wetter durch eine grünende  Landschaft  geht,  der  spürt  wenig  vom  Wasser  und  doch  ist  das  Wasser  überall  am  Werk:  in  der Luft, in jeder Erdkrume, in jeder Pflanze. So ist es auch mit dem  Geist  Gottes.  Er  wirkt  verborgen,  er ist wie das Säuseln des Windes,  aber  er  ist  da  als  das  Band  zwischen Christus und seiner Kirche. Und  so  werden  wir  ihn  nur  im  konzentrierten  Hinhören,  aufmerksamem  Gebet  vernehmen  und  verstehen  können.  Im  Gebet  ergreift  der  Geist  Gottes  von  uns  Besitz  und  verändert,  vergeistigt  die Welt.

 

Unsere  Zeit  weiß  wenig  vom  Hl.  Geist. Deshalb tut uns das Pfingstfest not. Feiern wir es mit Bedacht  und beten wir inständig mit der Liturgie der Kirche: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde  wird neu.“

 

P. Paul Mühlberger SJ

 

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